5. Juli 2012

Biarritz, 3. Juli 2012

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Beitrag unseres IP Reporters Paul

Meine Reise neigt sich ihrem Ende zu! Heute Abend feiern wir den 15. Geburtstag der spanischen Zwillinge, morgen früh werden wir uns übermüdet im Bett umdrehen und das halbe Frühstück verschlafen, uns am Kaffee die Zunge verbrühen und zur Bushaltestelle rennen. Auf den Stufen vor dem Maison des Associations werden wir im Sonnenlicht versuchen, noch ein paar Minuten in einen wohligen Schlaf zu verfallen. Die Leute aus den Gastfamilien kommen mit dem Bus an und um kurz vor neun gähnen wir noch einmal kräftig und begeben uns dann in unsere Klassenräume. Für die nächsten drei Stunden wird ein gewisser Kapstädter unheimlich geistreiche Bemerkungen zu Schwarzen, Weißen und Sex machen und begeistert sein, wenn es ihm gelingt, diese Themenfelder in einer Punchline unterzubringen. Sein Unterbewusstein wird ihn desweiteren dazu nötigen, eine Sonnenbrille, einen Kugelschreiber, ein etc. kaputtzumachen, bestenfalls etwas, das vorher mir gehörte und diese Tat dann zum Anlass zu nehmen, aus dem jeweiligen Objekt eine Waffe zu bauen. Nach dem Unterricht werden Jan und ich ein Brot und einen Käse fürs Mittagessen kaufen, den Hang hinunter zur Herberge laufen und dort an unserer Zimmertür auf einen weiteren gewissen Kapstädter treffen, der an unserem qualitativ hochwertigen Internetzugang seine Online-Spielsucht (irgendwas mit Raumschiffen) zu befriedigen sucht. Nach Essen und Mittagspause schmeißen wir besagten Süchtigen schließlich genervt aus unserem Zimmer und machen uns für den Strand fertig. Wir werden mit dem Bus nach Anglet fahren und unser Lager im Sand aufbauen. Wenn die blöden Wunden an meinen Fingern, die ich mir zugezogen habe, bis dahin verheilt sind, kann ich noch einmal die fantastischen Wellen genießen und mir vielleicht auch ein Surfbrett ausleihen. Abends werden wir wieder lange zusammensitzen, Unsinn reden und Karten spielen, unterbrochen nur von dem sporadischen Klopfen an der Tür, wenn wir uns genötigt sehen, die Betreuer von unserem absistenzlerischen und am Nachtleben der Stadt völlig desinteressierten Gemüt zu überzeugen.
Am Wochenende fuhren wir nach Saint Jean Pied de Port (ein absolut bescheuerter Name), einem kleinen Ort mit beeindruckender Altstadt am Fuße der Pyrenäen, der seine Bedeutung (und vermutlich auch seinen dämlichen Namen) seiner Lage am Jakobsweg schuldet. Im Laufe des Wochenendes kamen auch die neuen Schüler, über zwanzig, hauptsächlich Spanier und ein paar Schweden. Die große Gruppe hat auch die regelmäßigen Nachtkontrollen mit sich gebracht. Oder liegt das daran, das ich neulich unverschämterweise beschuldigt wurde, mich aus der Auberge schleichen zu wollen, als ich doch nur auf Klo gehen wollte – dass mein Pyjama so ausgehreif aussieht, dafür kann ich nun wirklich nichts.
Nichtsahnend bin ich auf dem Rückweg aus der Schule außerdem der Ausgeburt der Hölle begegnet. Neben der Bushaltestelle fand ich einen Supermarkt und freute mich, da ich noch Brotaufstrich fürs Mittagessen kaufen musste und keine Lust hatte, bis zum nächsten Laden zu laufen. Doch schon beim Betreten des Marktes hatte ich das ungute Gefühl, das irgendetwas nicht stimmte. Der Laden war so – unirdisch. Leicht zu überblicken, kühle Luft, kaltes Licht, Schränke an den Wänden, mehrere Zeilen großer schlichter Truhen absolut symetrisch angeordnet. Keine Musik. Weiße Wände. Der gesamte Laden verkaufte nichts als Tiefkühlkost! Die potentiellen Konsumenten bewegten sich starr durch den Raum, ohne das geringste Anzeichen menschlichen Pathos‘. Ich musste raus hier. Beim Verlassen warf ich der Kassiererin ein nervöses Lächeln zu, sie sah mich mit ihren leeren Augen an, als wolle sie sagen :„Einer von uns“.
Und jetzt muss ich auch raus aus diesem Zimmer, um den Rest meiner großartigen Zeit hier zu genießen. Danke IP für diese Reise, die ich so schnell nicht vergessen werde!

Euer Paul