1. März 2013

Im Land der Zungenschmücker

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Anke Willers war mit Mann und zwei Töchtern in Südengland. Ihr gemeinsames Ziel: rumfahren, rumgucken und – besser Englisch lernen. Ihr Fazit: hat geklappt

Mit unseren Urlaubsplänen war es in diesem Jahr nicht so einfach: Mein Mann Jochen und ich wollten gerne mal nach England – einen Sprachkurs machen. Aber wie sollten wir diese Idee unseren zwei Töchtern Clara, 12, und Jette, 9, präsentieren? In den Ferien in eine Schule zu gehen – das würden sie völlig daneben finden. Lernen an einem Ort, an dem zwar ein Meer ist, aber oft schlechtes Wetter – auch nicht gerade der Bringer.
„Wisst ihr was“, sagte ich deshalb irgendwann im Frühling, als die britischen Royals mal wieder im Fernsehen herumwinkten. „Da fahren wir im Sommer hin – ins Land von Käte und Willem.“
„Die heißen nicht Käte und Willem. Die heißen Keit änt Willjäm“, sagte Jette. „Und die Oma, die da winkt, ist die Kwien.“
„Super“, sagte ich, „du kannst ja schon Englisch. Und wenn wir in England Urlaub machen, kannst du noch viel mehr Wörter, und deine Lehrerin wird sich wundern.“ „Na gut“, sagte Jette, „dann fahr ich mit!“
Um es gleich vorwegzunehmen: Auf unserer Reise ins Vereinigte Königreich haben wir Käte und Willem getroffen. Vielleicht. Ganz sicher sind uns aber jede Menge humorvolle, herrlich wortgewandte und schlagfertige Engländer begegnet.
Eine von ihnen ist Jacqui, Lehrerin für Kunst und Sprachen am Trinity-College in Teignmouth, Süd-Devon, und mit viel Sinn für schöne Worte ausgestattet. Im Kurs für fortgeschrittene Anfänger erklärt sie uns gleich am ersten Tag:
Never say ‚nice‘ – look for synonyms: They are the rose of your tongue.
Im Klartext: Sag niemals, etwas sei einfach nur ‚nett‘, schmücke deine Zunge mit hübscheren Worten!
Für Jochen und mich ist das mit den hübschen Worten aber gar nicht so einfach. Denn die Vokabeln aus Schul- und Unizeiten sind irgendwo im Hinterkopf eingestaubt. Unsere Zunge ist verknotet statt geschmückt. Zum Glück haben die anderen im Kurs – Franzosen, Spanier, Russen – ähnliche Schwierigkeiten. Doch Jacqui ermutigt uns immer wieder, zu sprechen: über unsere Berufe, den Dalai Lama und einen Text, in dem eine Frau beim Friseur die Krise kriegt … Und tatsächlich: Wir kommen ins Reden – jeden Tag ein bisschen mehr.
Den Kindern geht es ähnlich: Jette versucht in der Kinderbetreuung, mit Pablo aus Spanien die Frisbee-Regeln zu klären: „Stop! Go on! Mai törn!“ Und Clara ist nach ihrem Englisch-Eingangstest bei Rowena gelandet. Die wird ihr zwar am Ende der Woche bescheinigen, dass sie im Unterricht zu still war. Ich merke aber, wie sie sich bei unseren Ausflügen immer mehr traut: „Madam, can you please tell me, where the toilet is?“, fragt sie die Kellnerin im Lokal. Und die antwortet: „Sure darling, it’s right over there!
Darling“, sagt Clara hinterher, „sie hat darling gesagt.“ Und das trotz des strengen Schildes, das draußen hing: „Well behaved dogs and children welcome!
Im Klartext: Hunde und Kinder erlaubt – aber nur wenn sie wissen, was sich gehört.
Das Lokal ist in Dartmouth. Und das Schild ist ernst gemeint. Vielleicht. Dartmouth ist nämlich nicht nur ein malerischer Fischerort an der Englischen Riviera. Sondern auch ein Ort mit so vielen ominösen Schildern, dass man sich fragt, ob das vielleicht eine besondere Art des englischen Humors ist: Vor dem Teehaus mit „scones“ und „clotted cream“ wird für Verständnis dafür geworben, dass Kinder unter sieben bitte nicht reindürfen. Dafür dürfen in den Wohnladen zwei Straßen weiter Menschen mit „food and drinks“ – und auch Hunde, „aber nur wenn das Wetter nicht nass ist“.
Wir bleiben eine Weile vor dem Schild stehen und überlegen, wie viele nasse Hunde es wohl in Dartmouth geben mag. Und ob es mehr gut erzogene Hunde gibt als Schlecht-Wetter-Hunde. Denn erstere dürfen ja dann zusammen mit den gut erzogenen Kindern in das Lokal, in dem Clara von der Kellnerin „darling“ genannt wurde!
Clara guckt nach oben. „Ist das Wetter jetzt gut oder nicht gut?“, fragt sie. 19 Grad, viele Wolken, ich würde sagen: durchwachsen! Und der Engländer? Der lässt sich vom Wetter niemals entmutigen – so wie der Fährmann, mit dem wir über den Fluss zurückfahren. Er sagt: „There’s enough blue in the sky to make a pair of sailor’s trousers!
Im Klartext: Jammert nicht, im Himmel ist noch genug Blau, um daraus eine Seemannshose zu machen.
Am nächsten Tag hat der Himmel so wenig Blau, dass es nicht mal für eine Hosentasche reichen würde. Es ist grau und neblig. Jacqui hat uns zwar die verschiedenen Arten von Nebel erklärt. Die Unterschiede habe ich allerdings nicht richtig verstanden – nur die Gemeinsamkeit: Man sieht nichts. Wir wollen trotzdem einen Ausflug machen – nach St. Ives. „Einer der hübschesten Orte in Südengland“, hatte Robin aus dem Fortgeschrittenen- Kurs gesagt und seine Zunge geschmückt: „home of many artists, picturesque, historic“.
Als wir ankommen, regnet es. Wir parken unser Auto am Ufer gleich neben der Tate. Ja, genau, eine kleine Schwester des berühmten Londoner Museums. Wir gehen rein, schauen eine Ausstellung von Alex Katz an und durch die Panoramafenster die beindruckenden Wellen von Porthmeor Beach. Darin mindestens 50 Wellenreiter. „Die spinnen doch“, sage ich, „bei dem Wetter!“ Doch dann rufen die Mädchen: „Wir wollen auch! Schwimmen!“ Ich finde meine Kinder mit dieser Idee very british, setze mich im strömenden Regen unter einen Sonnenschirm und gucke meiner Familie und den anderen Verrückten beim Baden zu. Als wir zurückkommen, steht neben unserem Auto ein Bobby und guckt streng. Ich schmücke meine Zunge und sage freundlich: „How are you?“ Die Antwort kommt prompt:
I’m fine, but you are not!“ Frei übersetzt: Mir geht’s gut, aber du ziehst dich jetzt am besten warm an.
Wir sehen dann auch, warum: Parkverbot! Ich versuche es mit britischem Humor: „It rained cats and dogs, when we arrived.“ Der Polizist hört meinen Akzent. Aha, nicht von der Insel. Er zögert einen Moment. Dann zwinkert er: „Macht, dass ihr wegkommt.“ Tun wir. Auf dem Rückweg durch das sanft gehügelte Rosamunde-Pilcher- Land reißt der Himmel auf und liefert das Blau, das für zwei Seemannshosen reicht. Kurz vor Teignmouth beschließen wir deshalb noch einen Abstecher zu machen ins „Puderschinkenschloss“, wie Clara sagt.
Powderham Castle gehört dem Earl of Devon. Der wohnt auch noch zeitweise dort, was Jette beeindruckt. Genauso wie die 14 000 Bücher, die Geheimtüren hinter den Bücherregalen. Und das tolle Treppenhaus, das nachträglich errichtet wurde, damit die Damen des Hauses mit ihren Reifröcken angemessen hinunterrauschen konnten. „Waren Keit und Willjäm auch schon hier?“, will Jette wissen. Keine Ahnung! Zumindest gibt es im Schlossladen jede Menge schöner Postkarten von den Royals.
Am nächsten Tag ist schon Freitag. Das letzte Mal Kurs bei Jacqui. Das letzte Mal schmücken wir unsere Zunge und versuchen, ihre Fragen zu beantworten: „Wenn ihr euren Traum leben könntet, wir würde der aussehen?“, fragt Jacqui. Puh, was für eine Frage für einen Englisch- Kurs. Jochen sagt: „Ich wäre Schriftsteller!“ Der Spanier sagt: „My passion is wine.“ Jacqui sagt: „Live your dreams. Because if you don’t, you will regret it one day.“ „Was heißt noch mal ‚regret‘“, fragt Jochen. „Bereuen“, sage ich.
Am Nachmittag fahren wir noch ins Dartmoor: ein Hochmoor, in das man auf verwunschenen Hohlwegen gelangt (Ausfahrt South Brent von der A38, dann Beschilderung Richtung Avon Dam folgen). Wir laufen ein Stück durch den River Avon auf riesigen bemoosten Steinen und dann durch wilde Farne bis zum höchsten Punkt. Dort oben gibt es geheimnisvolle Steintische. In der Ferne sieht man Schafe und drei einsame Reiter: „Look“, sagt Jette: „Keit und Willjäm.“ „Und Pippa“, sagt Clara.
Dann reiten die Gestalten über das Hochmoor hinein in die glutrote Sonne. Und wir machen uns auf den Heimweg durch eine einsame, wilde Landschaft am Fluss. Jochen sagt: „It’s wonderful, mysterious, poetic. And no, I don’t regret it!“ Jacqui, das klingt doch fast wie Shakespeare, oder?

Infos und Preise

Teignmouth ist ein Küstenstädtchen im südlichen Devon. Ein Auto ist dort empfehlenswert.
Die Englischkurse finden im Trinity- College statt und werden für Erwachsene und Schulkinder ab zehn in unterschiedlichen Niveaustufen angeboten (am ersten Tag gibt es einen Einstufungstest), jüngere Kinder werden im Primary Playground betreut. Bei Kindern, die fast zehn sind, sollte man jedoch vorher klären, wo sie am besten aufgehoben sind: Möglicherweise ist ein Anfänger-Sprachkurs die bessere Wahl, wenn im Playground viele kleine Kinder sind, mit denen dann Deutsch gesprochen wird. Die Kurse finden vormittags statt, nachmittags gibt es für die Schüler ein Sport- und Ausflugsprogramm.
Unterkommen: Wer über Offaehrte Sprachreisen bucht, bekommt „bed and breakfast“ in einem Gästehaus vor Ort. Ältere Kinder können aber auch im College wohnen. Das ist gut, wenn die Gruppe international ist und automatisch alle Englisch sprechen müssen. Sind sehr viele Deutsche da, funktioniert das allerdings meistens nicht. Auch wohnen die Kinder im College im Mehrbettzimmer, und die Sanitäranlagen sind renovierungsbedürftig.
Preise: Eine Woche Sprachkurs kostet für zwei Erwachsene, ein Kind ab zehn und ein Kind unter zehn ab 1962 Euro. Inklusive Unterkunft (Familienzimmer) und Frühstück im Guesthouse. Für die Sprachkurs-Kinder gibt es zusätzlich im College Mittag- und Abendessen. Auch die Playground- Kinder werden mittags verpflegt. Ein Erwachsener und ein Kind (ab zehn) bezahlen ab 1111 Euro. Termine: ab 7. Juli (erste Anreise) bis 17. August (letzte Abreise). Mehr Infos über: www.offaehrte.de oder www.internationalprojects.com
Hübsche Orte: Neben Dartmouth lohnt sich das Städtchen Totnes, aber auch Torquay (Geburts- und Wohnort von Agatha Christie) und die nahe Universitätsstadt Exeter: Schön ist die Kathedrale und ein Bummel durch Gandy-Street mit ihren kleinen Geschäften.
Strände: Teignmouth liegt an einem breiten Sandstrand. Der kleine Badeort Shaldon ist gleich gegenüber (ständiger Fährverkehr). Wer in Shaldon noch zehn Minuten weiter Richtung Süden läuft, gelangt durch den Smugglers’ Tunnel zu Ness Cove Beach: dramatische Steilufer, tolle Stimmung!
Essen: Genug von Fish and Chips? Im Ness House Hotel kann man lecker und mit Meerblick essen (Ness Drive, Shaldon). Gut ist auch das Mittagsbuffet im Smugglers’ Inn (27 Teignmouth rd, Dawlish) Abends sitzt man schön auf der Terrasse der Riviera-Bar gleich hinter dem Pier von Teignmouth (4 Den Crescent).

Quelle: Reisereportage von Anke Willers aus ELTERN family 2/13